Manufaktur im Mittelpunkt: Warum echtes Glas Zeit braucht
- Wiebke Katsoudas
- vor 15 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 4 Stunden
Es gibt Materialien, die sich der Logik der Beschleunigung entziehen. Mundgeblasenes Glas gehört dazu. In Waldsassen, nahe der tschechischen Grenze, entsteht bei Lamberts ein Werkstoff, der nicht auf Tempo, sondern auf Präzision, Erfahrung und Haltung setzt.

Wo Glas Charakter bekommt
Das beginnt beim Ofen. 1.400 Grad, Tag und Nacht. Glas kennt keine Pause. Wer hier arbeitet, folgt nicht nur einem Produktionsplan, sondern einem Material mit eigenen Regeln.
Jeder Arbeitsschritt ist sichtbar, jede Bewegung entscheidend. Ein falscher Dreh, ein Moment zu spät – und das Ergebnis ist verloren. Was bleibt, ist nicht Standard, sondern Unikat. Denn bei Lamberts entsteht kein Glas von der Stange, sondern ein Werkstoff mit eigener Sprache.

Mehr als Material
Mehr als 5.000 Rezepturen, unzählige Farbnuancen, unterschiedliche Strukturen und Verläufe: Lamberts-Flachglas ist so vielfältig wie die Projekte, für die es eingesetzt wird. Keine Tafel gleicht der anderen. Genau das macht seinen Reiz aus.
Für Restaurator:innen ist diese Individualität entscheidend. Für Architekt:innen ebenso. Und für Künstler:innen ohnehin. Das Glas fügt sich nicht einfach ein, es prägt Räume, lässt Licht arbeiten und verleiht Flächen eine Tiefe, die industriell hergestellte Produkte kaum erreichen.

Von Big Ben bis Louis Vuitton
Die Geschichte von Lamberts ist auch eine Geschichte der Orte, an denen dieses Glas sichtbar wird. Es steckt in den Zifferblättern des Big Ben, verschönert die Dresdner Frauenkirche oder sorgt für eine spannende Innenraumgestaltung der obersten Etage des „Top of the Rock“ im Rockefeller Center in New York. Es ist in Projekten präsent, die Geschichte bewahren und Gegenwart formen.
Gleichzeitig hat das Material längst neue Anwendungsfelder erobert:
In hochwertigen Retail- und Markenerlebnissen, in Showrooms und Interiors von Häusern wie Berluti oder im Museum Fondation Louis Vuitton in Paris wird mundgeblasenes Lamberts Glas bewusst eingesetzt. Nicht als Dekoration, sondern als Material mit enormem, gestalteterischem Potential.

Farbe als Rezept
Die Farben von Lamberts entstehen aus Mineralien, Gold und Silber. Das klingt alt, ist aber in seiner Wirkung erstaunlich gegenwärtig. Denn das Licht, das daraus entsteht, wirkt nicht künstlich, sondern lebendig.
Auch die Herstellung folgt diesem Gedanken der Konsequenz. Regionale Rohstoffe, recyclingfähiges Glas, energieeffiziente Prozesse und die Rückführung von Glasscherben gehören seit Generationen zur Praxis. Nachhaltigkeit ist hier kein Zusatz, sondern Teil des Systems.

Eldridge Street Synagoge, New York, USA Künstler: Kiki Smith and Deborah Gans Studio: The Gil Studio, Inc. Architekt: Deborah Gans Photo: Bendheim
Handwerk gegen Austauschbarkeit
„Lebendiges Handwerk, zeitgemäß eingesetzt in Kunst und Architektur – und in jeder Tafel die allerhöchste Qualität: das prägt Lamberts schon heute und soll auch in zehn Jahren unser Markenzeichen sein.“ — sagt Robert Christ, Head of Marketing.
Der Satz beschreibt ziemlich genau, worum es geht: um ein Produkt, das nicht beliebig ist. Jede Schliere, jede kleine Unregelmäßigkeit ist kein Makel, sondern sichtbarer Beleg dafür, dass hier Menschen arbeiten und nicht Maschinen reproduzieren.

Ein Team mit Herz und Hand
Eine fast verlorene Kunst
Lamberts ist die einzige Manufaktur Deutschlands, die noch mundgeblasenes Flachglas nach dieser alten Methode produziert — und eine von nur noch zwei weltweit. 2023 wurde diese Handwerkskunst von der UNESCO als immaterielles Weltkulturerbe ausgezeichnet. In Waldsassen wird sie nicht nur bewahrt, sondern weiterentwickelt.
Das ist keine nostalgische Geste, sondern ein bewusster Gegenentwurf zur Austauschbarkeit. Wer mit diesem Glas arbeitet, entscheidet sich für Material mit Geschichte, für Tiefe statt Gleichförmigkeit und für eine Ästhetik, die aus dem Herstellungsprozess selbst entsteht.


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